VL12 Flashcards
- Was versteht man unter Identität im mittelalterlichen Kontext?
Identität ist die Schnittstelle zwischen Individuum und Gemeinschaft. Sie formiert sich durch Interaktion mit der sozialen Umwelt und umfasst sowohl individuelle als auch kollektive Identitäten.
Was besagt die “Nationes-Forschung” der 1980er Jahre?
Deutschland im 10./11. Jh. wird als “Nation im Werden” betrachtet, geprägt von gemeinsamer Geschichte, dynastischer Kontinuität, Sprache und Recht.
Welche Kritik gibt es am klassischen Bild des Lehenswesens?
Spätere Rechtsquellen verfälschen den Blick auf frühere Zeiten.
Vor dem 11. Jh. gab es mehr Eigengut als Lehen.
Das klassische Lehenswesen entstand erst im 11. Jh.
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Was sind horizontale soziale Bindungen?
Bindungen zwischen Gleichgestellten, z.B. in Gilden, Zünften, Kommunen oder Universitäten, oft durch Schwureinungen gestärkt.
Welche Rolle spielte der Eid im mittelalterlichen sozialen Gefüge?
Der Eid war ein zentrales soziales Bindemittel, das Loyalität und Vertrauen sicherte, sowohl vertikal (gegenüber Herrschern) als auch horizontal (innerhalb von Gemeinschaften).
Was versteht man unter dem Begriff „Lehnswesen“ im mittelalterlichen Europa?
Das Lehnswesen war ein System von rechtlichen und sozialen Bindungen, das auf der persönlichen Abhängigkeit zwischen einem Lehnsherrn (Senior) und einem Vasallen beruhte. Es umfasste die Vergabe von Land (Lehen) im Austausch für militärische oder administrative Dienste.
Welche drei Hauptkomponenten prägen das klassische Lehnswesen?
Personale Komponente:
Das persönliche Treueverhältnis zwischen Lehnsherr und Vasall (Vasallität).
Dingliche Komponente:
Die Übergabe eines Lehens (Beneficium), meist Landbesitz, oft erblich ab dem 9. Jahrhundert.
Militärische Komponente:
Die Verpflichtung des Vasallen zu militärischen Diensten für den Lehnsherrn.
Warum gelten Juden im Mittelalter als paradigmatisches Beispiel für soziale Ausgrenzung?
Juden wurden im Mittelalter als religiöse Minderheit systematisch ausgegrenzt. Sie galten aufgrund christlich-theologischer Vorstellungen als „Gottesmörder“ und wurden durch rechtliche Diskriminierung, wirtschaftliche Einschränkungen, Zwangskonversionen und Pogrome marginalisiert.
Welche Rolle spielte die christliche Theologie bei der Ausgrenzung von Juden im Mittelalter?
Die christliche Theologie trug erheblich zur Ausgrenzung bei, indem sie Juden als „Verblendete“ darstellte, die Christus nicht anerkennen. Antijüdische Predigten und Traktate verbreiteten Stereotype wie die Kollektivschuld am Tod Christi, Hartherzigkeit und spirituelle Blindheit.
Inwiefern schützten und unterdrückten weltliche Herrscher die jüdische Bevölkerung im Mittelalter gleichzeitig?
Juden wurden als “servi camerae regis” (Kammerdiener des Königs) betrachtet. Dies bedeutete, dass sie unter dem Schutz des Herrschers standen, aber auch seiner direkten Kontrolle und wirtschaftlichen Ausbeutung unterlagen, etwa durch Sondersteuern oder Vermögensbeschlagnahmungen.
Welche Beschlüsse des IV. Laterankonzils (1215) führten zur verstärkten Ausgrenzung von Juden?
Kennzeichnungspflicht: Juden mussten spezielle Kleidung tragen, um sie von Christen zu unterscheiden.
Verbot von Mischehen: Ehen zwischen Juden und Christen wurden untersagt.
Verbot öffentlicher Ämter: Juden durften keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden.
Stigmatisierung von Zinswuchern: Juden wurden mit der Praxis des Wuchers identifiziert, was negative wirtschaftliche Stereotype verstärkte.
Was versteht man unter dem Konzept der „persecuting society“ im Mittelalter?
Der Begriff beschreibt Gesellschaften, die systematisch bestimmte Gruppen ausgrenzen und verfolgen, um die eigene Identität zu festigen. Um 1200 entwickelte sich im christlichen Europa eine solche Gesellschaftsform, die Verfolgung als Teil ihrer sozialen Ordnung institutionalisierte.