Vorlesung 4 Flashcards
Begriff: „Reformpädagogik“
• Begriff ist schwer zu definieren; keine einheitliche pädagogische Bewegung
• Einige Merkmale:
○ Reformpädagogik geht meist von (teilweise radikaler) Kritik an Gesellschaft und Schule aus
○ Forderung nach grundlegender Reform des Bildungswesens
§ Grundlegende Idee: Schulen sind verdorben, müssen verändert werden
§ Bildungssystem sein nicht am Individuum orientiert
○ Orientierung an den Bedürfnissen des Kindes
§ „Pädagogik vom Kinde aus“ - den Kindern zu sich selbst helfen
○ Schwerpunkt des Lehrens und Lernens aus direkter Erfahrung, oft auch Naturerfahrung
§ Ganzheitliches Lernen
○ Oftmals Einrichtung einer „pädagogischen Provinz“ bzw. „Pädagogischen Enklave“
○ Reformpädagogik im engeren Sinne entsteht zwischen 1890 und 1933 (Hermann Lietz, Gustav Wyneken, Kurt Hahn, Maria Montessori u.a.)
○ Vorläufer: Comenius, Rousseau, Pestalozzi u.a.
Grundlegendes zum (pädagogischen) Verfallsdenken
• Idee: die Welt, in der wir leben, ist (mehr oder weniger grundlegend) dekadent
• Sie kann deshalb nicht im üblichen Sinne des Fortschritts verbessert werden
• Annahme eines ursprünglich paradiesischen Zustands bzw. einer guten „Natur “ des Menschen
• Menschliche Geschichte als Niedergang
○ Verfallsdenken
○ Aufgabe der Erziehung: Einen Neuanfang schaffen
Jean-Jacques Rousseau
• Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Pädagoge
• Zentrale Werke:
○ „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ (1755)
○ „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes“ (1762)
○ „Émile oder Über die Erziehung“ (1762)
§ Ähnlich wie Gesellschaftsvertrag Gedankenexperiment: Ein Junge wird von einem Erzieher ohne die Einflüsse der Gesellschaft zu sich selbst erzogen
Perfectibilité als anthropologische Grundannahme
• „Perfectibilité“: „Bildsamkeit“; „Vervollkommnungsfähigkeit“, „Fähigkeit des Menschen, Fähigkeit zu entwickeln“
• Was aus einem Kind werden kann, ist von der Natur des Kindes her nicht vollständig vorbestimmt:
○ Jedes Kind kann im Prozess des Aufwachsens Fähigkeiten entwickeln
○ Es ist aber im Vorhinein nicht klar, welche konkreten Fähigkeiten ein Kind im Laufe seines Lebens entwickeln wird
➡️ Menschliche Lebensprozesse sind von Unbestimmtheit gekennzeichnet
Perfecitibilité kann in beide Richtung gehen: In einer schlechten Gesellschaft wird schlechtes erlernt (beneiden, belügen, faken)
Der Niedergang des Menschen nach Rousseau
• Anfang der Menschheit als „goldenes Zeitalter“:
○ Mensch als „natürlicher Mensch“
○ Er war Teil des Kreislaufs der Natur
○ Es gab keine Missverständnisse, keine Lüge, keinen Neid und keine Ungleichheiten zwischen den Menschen
• Dann begannen die Menschen, ihren Besitz gegen andere zu sichern
○ Es kam die Ungleichheit zwischen den Menschen
○ Mit ihr Missgunst, Lug und Betruf
➡️ Folge: Selbst- und Weltentfremdung des Menschen
Gesellschafts- und Kulturkritik bei Rousseau
- Die „Natur“ des Menschen wird durch die Gesellschaft „erstickt“
- Die Kinder wachsen in einer unfreien Gesellschaft auf und bleiben darin unfrei
- Kinder und Heranwachsende müssen vor den schlechten Einflüssen der Gesellschaft „bewahrt“ werden, um ihre gute Natur zu erhalten
Rousseau als „Entdecker der Kindheit „
• Kind und Jugendliche sind nicht einfach nur „kleine Erwachsene“
• Kindheit und Jugend sind spezifische Lebensphasen mit eigenen Erfahrungsqualitäten
➡️ Kindern und Jugendlichen soll die Freiheit gegeben werden, sich selbst zu entdecken
„Nicht die Funktion innerhalb der Gesellschaft, sondern die zweckfreie und selbstbestimmte Menschenbildung ist das Ziel.“ Bollenbeck 1994
Die „pädagogische Enklave“ / „Pädagogische Provinz“
• Für Kinder und Heranwachsende wird ein Ort des Rückzugs aus der Gesellschaft geschaffen
○ Rousseau: Landhaus
○ Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827): Kloster
○ Hermann Lietz (1868-1919) u.a.: Landerziehungsheime
• Die Zöglinge sollen so ihre Unverdorbenheit so gut es geht bewahren können
• Oft ein Ort in der Natur ➡️ Die Kinder sollen ein Leben im Einklang mit der Natur führen ➡️ Sie sollen ihr natürliches Wesen bewahren ➡️ Ein Ort der natürlichen Gemeinschaft von Heranwachsenden
Kritik: Fördert Schere zwischen Privilegiert - Nicht-Privilegiert: Wer kann sich dies leisten?
Beispiel: Erlebnispädagogik
• Outward Bound-Schulen
○ 1941 von Kurt Hahn (1886-1974) in Wales gegründet
○ Hahn diagnostizierte verschiedene „Verfallserscheinungen“ in der Gesellschaft:
§ „Mangel an menschlicher Anteilnahme“
§ „Mangel an Sorgsamkeit“
§ „Verfall der körperichen Tauglichkeit“
§ „Mangel an Initiative und Spontaneität“
○ Die öffentlichen Schulen können diesen Verfall nach Hahn nicht stoppen, sondern befördern ihn sogar
Pädagogisches Konzept der Erlebnispädagogik
• Ziel: Jugendliche sollen in Naturaktivitäten Zusammenhalt, Kooperationsfähigkeit, Begeisterungsfähigkeit etc. lernen
➡️ So soll den „Verfallserscheinungen“ entgegengewirkt werden
➡️ Begriff von Kurt Hahn: „Erlebnistherapie
➡️ Bewusst gegen die vermeintlich verderblichen Einflüsse der Gesellschaft und öffentlichen Schulen gerichtet