Vorlesung 3 Flashcards
Menschenbild und Pädagogik
• Pädagogisches Denken und Handeln bezieht sich immer auf Menschen
• Jedem pädagogischen Denken und Handeln liegen Vorstellungen vom Menschen zugrunde:
○ Deskriptiv (Ist-Zustand)
Baby kann nicht laufen.
○ Optativ (Entwicklungspotenzial)
Baby könnte laufen.
○ Normativ (Soll-Zustand)
Baby sollte laufen lernen.
Aber auch: Was ist eine Frau? Was kann eine Frau? Was soll eine Frau können? • Diese Menschenbilder können explizit und auch implizit vorliegen
Pädagogische Menschenbilder als Fiktionen
• Der Mensch ist ein so komplexes Wesen, dass es wohl nie vollständig verstanden werden kann
○ Menschenbilder sind Reduktionen der Komplexität des Menschen
○ Menschenbilder sind historisch und kulturell variabel
„Pädagogische Menschenbilder sind in ihrer Komplexitätsredutionen Fiktionen, sind Bestandteile einer pädagogischen science ficiton - die empirisch gesichteres Wissen mit optativen Bildungsmodellen und normativen Zielvorstellungen verknüpft - und dabei weiß die Pädagogik, dass sie weder alles über den Ist-Zustand des Menschen noch über seine Entwicklungsdynamik oder die Legitimität von an ihn gestellten Forderungen wissen kann“ (Zirfas 2021, S.16)
Grundriss eines pädagogischen Menschenbildes
• Mensch als erzieherisches Wesen
○ Erziehungsbedüftig und erziehungsfähig (Bedürfen Erziehung, können erzogen werden)
○ Erziehend
• Mensch als lernendes Wesen
• Mensch als ein lehrendes/unterrichtendes Wesen
• Mensch als ein sich bildendes Wesen
• Mensch als ein sich sozialisierendes und kultivierendes Wesen
Johann Amos Comenius
• Theologe, Pädagoge, Politiker
• Letzter Bischof der Alten Unität der Böhmischen Brüder
• Streben nach Frieden und Völkerverständigung
• Gilt als Begründer neuzeitlicher Pädagogik und Didaktik
• Wichtigste pädagogische Werke:
○ 1657: Didactica Magna („Große Didaktik“)
○ 1958: Orbis pictus sensualium („Weltkreis in Bildern gemalt“)
○ Posthum: Pampaedia („Allbildung“ oder „Allerziehung“; griech. „paeida“ = „Bildung“/„Erziehung“ + griech. „pan“ = „alles“, „ganz“
• Grundsatz seiner Pädagogik: Omnes omnia omnino
Pädagogik und die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten
• Comenius sieht die zeitgenössische Welt als moralisch verkommen an
• Er fordert eine grundlegende Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten
• Möglich wird diese Verbesserung seiner Auffassung nach u.a. Durch Pädagogik
➡️ Erziehung dient der Weltverbesserung
Pädagogik und Menschenbild
Gedankliche Grundlage der Pädagogik: Pansophie (Weisheit von allem, Allumfassende Weisheit)
• Menschen- und Weltbild:
○ Vor Gott sind alle Menschen gleich
○ Welterkenntnis ist Gotteserkenntnis
○ Es gilt, die ganze Menschheit zur Allwissenheit („Pansophie“) zu führen:
„Es ist nicht damit getan, daß sich die Menschen von der stummen Kreatur lediglich unterschieden; sie sollten vielmehr zu vollkommener Weisheit gelangen. Denn da alle Menschen nach dem Bilde des hochweisen Gottes erschaffen sind, müssen wir darum bemüht sein, daß das Abbild seinem Urbilde entspricht. (…) Deshalb ist es unbedingt notwendig, daß alle Menschen, die wir doch vor den ständig drohenden, ewigen Abgründen bewahren sollen, (…) richtig belehrt werden.“ (Pampaedia, S. 21)
Alle lehren (omnes)
„Zunächst wünschen wir, dass (…) nicht nur irgendein Mensch, wenige oder viele zum wahren Menschentum geformt werden, sondern alle Menschen, und zwar jeder einzelne, jung und alt, arm und reich, adelig und nichtadelig, Männer und Frauen, kurz jeder, der als Mensch geboren ist. So soll künftig die ganze Menschheit dieser vervollkommnenden Wartung zugeführt werden, alle Altersstufen, alle Stände, Geschlechter, Völker“ (Pampedia, S. 13)
➡️ Bildung für alle bis heute grundlegende bildungspolitische Forderung
„Nun ist die Frage, ob man auch die Blinden, die Tauben und die Dummen, denen wegen mangelnder Erkenntismittel gewisse Dinge nicht genügend eingeprägt werden können, dieser Pflege unterzogen werden sollen. Ich antworte: (…) Nur außermenschliche Geschöpfe werden von der vervollkommnenden Pflege ausgeschlossen.“ (Pampedia, S. 36)
➡️ Comenius gilt als einer der ersten Denker von „Inklusion“
Alles lehren (omnia)
Das Lernen soll sich auf folgende Lebensbereiche richten:
○ Frömmigkeit (Beziehung des Menschen zu Gott)
○ Sitten (Beziehung der Menschen zu den Menschen)
○ Wissenschaften (Beziehung der Menschen zur Natur)
➡️ Comenius strebt ein umfassendes Wissen an
○ Problem: Das Wissen ist zu umfangreich und wird immer umfangreicher
○ In der Lehre muss selektiert werden
Allseitig lehren (omnino)
Ganzheitlichkeit des Lernens
• Lernen soll sich auf die Vernunft, die Sinne und das Handeln beziehen
➡️ Bis heute wird immer wieder Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“ gefordert
Bildung im Lebenslauf : „Private Schulen
- „Schule des vorgeburtlichen Werdens“
- „Schule der frühen Kindheit (0-6 Jahre)
Bildung im Lebenslauf: „Öffentliche Schulen“
- „Schule des Knabenalters“ (7-12 Jahre)
- „Schule der Reifezeit (13-19 Jahre)
- „Schule des Jungmannesalters“ (20-25 Jahre)
Bildung im Lebenslauf: „Persönliche Schulen“
- „Schule des Mannesalters“
- „Schule des Greisenalters“
- Schule des Todes“
Bildung im Lebenslauf
Acht Stufen, drei Schulen
• Didaktischer Grundgedanke:
„Aller Lehrstoff muss den Altersstufen gemäß so verteilt werden, dass nicht zu lernen aufgegeben wird, was das jeweilige Fassungsvermögen übersteigt.“ (Didactica Magna)
➡️ Grundgedanke noch heute aktuell:
Das „jeweilige Fassungsvermögen“ von Kindern unterschiedlichen Alters wird heute v.a. von Entwicklungspsychologie untersucht.
Über den „Orbis sensualium pictus“
„Alles fließe aus eigenem Antrieb, Gewalt sei fern der Dinge.“ (Auf Titelblatt des „orbis pictus“)
➡️ In der Pädagogik soll keine Gewalt angewendet werden ➡️ Die Selbsttätigkeit der Lernenden muss berücksichtigt werden ➡️ Lernen soll Freude machen
Fazit Comenius
• Comenius entwickelte einen ersten systematischen Begriff von (allgemeiner) Bildung
• Viele seiner Gedanken orientieren bis heute das pädagogische Denken
○ Bildung für alle
○ Inklusion
○ Ganzheitliches Lernen
○ Altersgemäßes Lernen
○ Lebenslanges Lernen (Lernen zu Gott zu finden!)
○ Gewaltlose Erziehung
• Kritik:
○ Religiöses Weltbild
○ Man kann nicht alles lernen